Internationaler Freimaurerorden für alle Menschen Österreich

LE DROIT HUMAIN

DAS MENSCHENRECHT

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Galerie der Erinnerung

Lia Gál

Lia Gal

Lia Gál wurde am 29.Jänner 1896 als Margit Julie Pollak in Wien geboren. Ihre Eltern kamen jeweils aus dem mährischen und slowakischen Teil der Monarchie. Lias Vater Wilhelm Pollak (1859 – 1941) war Kaufmann. Ihre Mutter Ida Katscher (1871 – 1943) entstammte einer Fabrikanten- und Bierbrauerfamilie. Margit Julie war die zweite von drei Töchtern des Paares und wuchs in wohlhabenden jüdischen Verhältnissen auf. Sie wurde Innenarchitektin und nannte sich Lia. Am 28. April 1922 heiratete sie Hans Gál in der lutheranischen Pauluskirche und konvertierte anlässlich der Eheschließung vom Judentum zum evangelischen Glauben. Dem Religionsaustritt folgte ein gemeinsamer Eintritt der Jungvermählten. Sie wurden 1923 kurz nach der Gründung der ersten gemischten Freimaurerei, als Paar Mitglied des Le Droit Humain. Beide waren Mitte Zwanzig, also für damals übliche Mitgliedschaften ziemlich jung für die neue Vereinigung.

Bis 1929 wonten die Gáls in 1040 Wien, Argentinierstraße 53,. Die Tochter von Hans und Lia Gál, Lilian Margit Gabriele (*17.9.1929 Wien ,+ 6.11.1990 Südafrika), kam 1929 zur Welt und wurde evangelisch getauft. Den ungewöhnlichen Namen erhielt sie in Anlehnung an jenen der englischen Nanny ihrer Mutter. Durch den familiären Zuwachs erwog man einen Ortswechsel. Von 1930-1934 wohnte die kleine Familie im Karl-Marx-Hof, in 1190 Wien Heiligenstädterstraße 82-90, Stiege 27. Der Gemeindebau ist mit über 1000 Metern der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Er galt bereits bei seiner Eröffnung im Oktober 1930 als renommiertes Paradeprojekt des Roten Wien und bot 1.382 Wohnungen für rund 5.000 Personen. Mit ihm ermöglichte die Sozialdemokratie fortschrittliche Wohnverhältnisse. Hans und Lia Gál zählten zu den ersten, die den neuen Luxus von fließendem Wasser, Bad und Innentoilette genießen durften. Gemeinschaftseinrichtungen und begrünte Innenhöfe schufen ungeahnte Lebensqualitäten. Laut Auskunft des Enkels Andrew Hall teilten seine Großeltern die sozialistische Gedankenwelt.

Doch die Zeiten waren turbulent. 1933 kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht und in Österreich putschte sich Engelbert Dollfuß in die Regierung, um hier seine austrofaschistische Diktatur zu etablieren. Während des Bürgerkriegs und der Februarkämpfe von 1934, die sich gegen seine Herrschaft richteten, suchten sozialdemokratische Verteidiger der Demokratie in den Reihen des Schutzbundes im Karl-Marx-Hof Zuflucht. Sie gaben ihren Kampf erst nach Artilleriebeschuss durch Bundesheer und Heimwehr auf. Hunderte starben, tausende wurden verhaftet, einige der Kämpfer zum Tode verurteilt, andere im Anhaltelager Wöllersdorf interniert, viele entkamen in die benachbarte Tschechoslowakei. Die Familie Gál war vor den Kämpfen aufs Land geflohen. Als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, fand sie den Nachbarn durch ein Artilleriegeschütz getötet auf. Sie verstand unverzüglich die Gefahr, in der sie nun schwebte. Während der Schwager Franz Salmhofer, der Ehemann von Hans Gáls Schhwester Margit, illegales NSDAP-Mitglied wurde, entschlossen sich Hans und Lia Gál als sozialdemokratisch Gefährdete unverzüglich zur Flucht. Hans Gál stellte zahlreiche Auswanderungsanträge, Südafrika war das erste Land, das ihm und seiner Familie eine diesbezügliche Genehmigung erteilte. Die Verbindungen durch die Freimaurerei dürften laut Aussage des Enkels hier wesentliche Hilfe geboten haben. Sie wohnten nun ein Jahr lang getrennt voneinander in drei freimaurerischen Familien. Diese halfen den staatenlosen Flüchtlingen, die sich nur an den Wochenenden sehen konnten, bei Anträgen und Dokumenten.

Zwar hatten sie den direkten Kriegsschauplatz in Europa verlassen, doch der Geist des Nationalsozialismus verfolgte sie bis in den Süden Afrikas. Als Tochter Lilian nach dem Unterricht in ihrer Deutschen Schule das Foto eines „netten Onkels mit Schnurrbart“ mit erhobener Hand grüßen musste und dabei das Horst-Wessel-Lied – die Parteihymne des Nationalsozialismus - sang, nahmen sie die Eltern unverzüglich aus dem Unterricht und meldeten sie in einer Mädchenschule der anglikanischen Kirche an. Gleichzeitig unterzog man Deutsche und österreichische Personen einer politischen Prüfung. Die Familie Gál konnte ihre antinazistische Haltung klarstellen und wurde entsprechend ihrer Qualifikation auch als gesellschaftlich wertvoll eingestuft. Lia Gál besaß im Zentrum von Kapstadt ein Geschäft für Inneneinrichtung. Bei Hans Gál lösten sich vorerst mehrere Beschäftigungsverhältnisse ab, bis er schließlich bei der Metal Box Company, dem späteren Nampak Verpackungsunternehmen, bis zu seiner Pensionierung eine Anstellung als Forschungschemiker fand.

In Europa tobte der Zweite Weltkrieg. Jene die nicht geflohen waren und durch die Nürnberger Gesetze als jüdisch galten, wurden enteignet, vertrieben oder ermordet. Dieses traurige Schicksal teilte etwa die Mutter von Lia Gál, Ida Pollak, 1942 im Ghetto Theresienstadt. Lias Schwester Alice Fine, eine Fotografin, konnte über London nach New York flüchten, ebenso ihre Schwester Hildegard Schwarz, die hier zusammen mit ihr im neu aufgebauten Fotostudio arbeitete.

Lia Gál verstarb bereits am 23. September 1943 im Alter von nur 47 Jahren in Kapstadt an Brustkrebs. Ihre Asche ruht in Kapstadt im Kolumbarium des Maitland Road Cemetery. Auf dem Gedenkstein findet man die Worte Fiat Lux – Es werde Licht.

Hans Gál heiratete 1945 erneut. Er starb 1956. Seine Asche ruht neben der von Lia Gál in Kapstadt. Lias Tochter Lilian Gál studierte Sozialwissenschaften, arbeitete als Sozialarbeiterin und später als Mathematiklehrerin. Sie zog nach Rhodesien, wo sie 1958 den Zivilingenieur Michael Douglas Hall (23.8.1929-8.7.2016) kennenlernte, ihn 1958 heiratete und mit ihm in Welkom ansässig wurde. Von dieser südafrikanischen Kleinstadt, dem Zentrum der Goldindustrie, führte ihr Weg nach Johannesburg. Hier kamen Sohn Andrew und Tochter Christine zur Welt. Während Andrew Geschichte studierte und als Museumsdirektor in Süd-Afrika arbeitete, zog es seine Schwester nach einem Studium in Wien als Pädagogin in die USA. Das Leben der Familie war durch Umzüge geprägt, sie führten über Rhodesien nach Salisbury/Harare, Johannesburg und 1975 schließlich nach Port Elizabeth/Ggeberha. In dieser, am indischen Ozean gelegenen südafrikanischen Stadt, arbeitete Lilian an verschiedenen katholischen Mädchengymnasien als Mathematiklehrerin. Hier verstarb sie nach einem langen Kampf gegen Krebs am 6. November 1990. Erst nach ihrem Tod erfuhr der Sohn von der Existenz seiner Stiefmutter und von der jüdischen Herkunft seiner Mutter. Lilian Gál sprach kaum über ihre Familie und ihre jüdische Herkunft, hatte hre politische Haltung jedoch stets deutlich gemacht. Ihr Sohn Andrew führt dies auf die dramatischen Ereignisse 1934 in Wien zurück und auf das Trauma Flüchtling zu sein und zu wissen, welches Schicksal die Familienmitglieder ereilte, die Wien nicht rechtzeitig verlassen konnten.

Lilian Gál stand, wie schon ihre Eltern politisch stets auf Seiten der Unterdrückten, kämpfte für Gerechtigkeit und Gleichstellung. So agierte sie gegen das Apartheid-Regime, das Südafrika von 1848 bis 1994 fest im Griff hielt. Sie provozierte gerne die Polizei, indem sie als einzig weiße Person in Fernbussen zu Frauenveranstaltungen fuhr und sich bei Straßensperren und den Kontrollen weigerte, in einen für Weiße reservierten Bus umzusteigen. Dieses Engagement gab sie an ihren Sohn Andrew, einen Historiker weiter, der als Mitglied der Befreiungsbewegung politisch aktiv war.



Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich

Link: Lia Gál auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI

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